• LITERATsein

Das ist ein Auszug aus einer meiner Geschichten, die auf meinem PC verstauben. Ich bin immer ziemlich kritisch und unsicher, was das Ganze angeht, aber ich überwinde mich einfach mal. Die Geschichte trägt den Arbeitstitel „Fynn“.

Es fing alles ganz langsam an. Es passierte eher nebenbei, so dass ich es fast übersehen hätte. Vielleicht wollte ich es auch gar nicht sehen. Manche Dinge im Leben erscheinen einem so selbstverständlich, dass man nicht merkt, dass sie da sind.

„ Das meinst du doch nicht ernst, oder?“ Jans Augen wurden groß.
„ Sehe ich so aus, als ob ich lügen würde?“ Ich konnte mir ein Grinsen kaum verkneifen.
Wir saßen in meiner Wohnung und taten das, was wir am liebsten taten,wenn wir zusammen waren.
Rumhängen. Essen. DVD gucken. Wir warteten darauf, dass die Pizza im Ofen endlich fertig wurde.
Entspannt lehnte ich mich im Stuhl zurück und hatte meine Beine auf den Tisch gelegt. Ja, ich weiß, ich bin ein ungehobelter Kerl, aber hey, ich bin Zuhause. Nicht, dass ich mich sonst besser benahm…
„ Doch. Mein Mitbewohner zieht aus.“ Wir hatten uns oft über ihn ausgelassen. Jan fand ihn ziemlich steif und war der Ansicht, dass das ohnehin nicht lange hatte gut gehen können.
„ Wäre der nichts für dich?“, stichelte ich. „ Ihr beide passt sicher gut zusammen. Ordnungsfanatiker, steif, …“Jan verpasste mir eine Kopfnuss.
„ Pass bloß auf, Fynn!“
„ Sonst was? Erzählst du sonst Jedem,was für ein furchtbarer Kerl ich bin. Sorry, das wissen die Leute schon.“

Im Grunde konnte wahrscheinlich keiner verstehen, wieso wir beide befreundet waren. Ich hatte die Theorie, dass wir gar nicht anders konnten. Wenn Jan nicht da war, fühlte ich mich, als fehle ein lebenswichtiger Teil von mir. Ein Bein oder so. Nicht, dass ich ihm das jemals gesagt hätte.
In gewisser Weise waren wir in die ganze Sache hinein gewachsen . Ja, das war der richtige Ausdruck dafür. Unsere Eltern hatten uns zusammen in ein Gitterbett gesetzt und hatten dabei nicht mit meiner Boshaftigkeit gerechnet. Jan war immer schon eher ruhig, zuvorkommend und sensibel gewesen. Vielleicht hatte ich das auch noch gefördert, als ich ihn mit meinem Teddybär gehauen hatte. Wer weiß. Fakt ist, Jan ist wohl oft wegen mir in Tränen ausgebrochen. Ich war das, was man landläufig als „ Rabauke“ bezeichnet. Irgendwann hatte ich mich einfach an Jan gewöhnt und es war auch ganz gut, dass er so war wie er war. Auch das sagte ich ihm natürlich nie, obwohl ich mir sicher war, dass er es wusste. Ich hatte meine eigene verschrobene Art ihm zu zeigen, dass er mein bester Freund war. Zum Beispiel zog ich ihn ständig auf oder ich verprügelte homophobe Idioten, die meinten, sie müssten Jan beleidigen- oder meine Ohren. Im Grunde war Jan immer schon anders gewesen, als die anderen. Er wurde ausgegrenzt, schon als wir Kinder waren. Vielleicht war das unsere größte Gemeinsamkeit, denn ich war auch anders. Viel zu laut, zu grob, zu was weiß ich.
Unsere andere Gemeinsamkeit waren wohl unsere Eltern, die bereits alle zusammen zur Schule gegangen waren und beschlossen hatten, dass mit ihren Kindern fortzusetzen.

„ Ich brauche einen neuen Mitbewohner.“, sagte ich, „ Wie wäre es denn mit dir?“ Jan sah auf.
„ Du und ich?“
„ Jetzt tu nicht so. Du bist schwer zu ertragen, aber…“ Er verdrehte die Augen.
„ Fynn, ich mag dich auch.“ Er fuhr sich durch sein blondes Haar, so wie er es immer tat.
„ Wie, hast du Angst mich deinen Freunden vorzustellen? Bin ich dir peinlich?“, spottete ich.
„ Ich glaube, ich habe einen besseren Männergeschmack.“ , konterte er und lachte. Für eine Sekunde, versetzte mir der Spruch einen Stich, aber so unmerklich, dass ich ihn ignorierte. Stattdessen schmiss ich ein Handtuch nach ihm, doch Jan wich geschickt aus.
„ Du bist so voraussehbar.“
Ich schnaubte. „ Also, was sagst du?“ Ich verschränkte die Arme vor meiner Brust. Jan musterte mich. Meinen viel zu großen Pullover, dessen Kapuze tief in mein Gesicht gezogen war und meine Beine, die auf dem Tisch lagen. Wir wussten beide, dass das die perfekte Lösung war. Er brauchte eine billigere Unterkunft und ich einen neuen Mitbewohner. Außerdem gab es nichts, was uns überraschen konnte, denn wir wussten, worauf wir uns hier einlassen würden. Es gab Niemanden, der mich so gut kannte wie er und umgekehrt war das ähnlich.
„ Also, wenn ich mir dich so ansehe…“ Er hielt inne, legte den Kopf ein wenig schief und lächelte.
„ Klar, ziehe ich ein. Das wollten wir doch schon immer machen.“ Sein Lächeln ließ mich die Luft anhalten, doch ich erwiderte es unwillkürlich.
„ Darauf ein Bier. Oder willst du ein Glas Prosecco?“, stichelte ich.
„ FYNN!“



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