Spendenwahn

26Dez08

• WIRsein

Jedes Jahr in der Vorweihnachtszeit fängt es an. Die Fernsehsender überschütten uns mit Galas und Spendenaufrufen und jedes Jahr versucht man mehr Geld zu bekommen. Die Idee an sich ist nicht schlecht, aber ich werde oft das Gefüh nicht los, dass viele damit einfach nur ihr Gewissen erleichtern. Wenn man schon sonst das Jahr über nichts gemacht hat, dann eben jetzt.

Mir kommt das irgendwie falsch vor. Ich unterstelle natürlich nicht, dass es keine Leute gibt, bei denen es von Herzen kommt, aber im Hinterkopf habe ich stets jene Menschne, die ihre Spende von der Steuer absetzen wollen oder solche, die sich damit brüsten Geld gespendet zu haben.

Ich habe eine Idee. Wie wäre es denn zum Beispiel, wenn man einfach vor der Haustür anfängt? Man könnte Jemandem die Türe aufhalten, den Platz im Bus frei machen oder einfach dem Obdachlosen ein paar Cents geben. Doch selbst daran scheitert es am Fest der Liebe.

Der Bonner Bahnhof ist wahrscheinlich der hässlichste Bahnhof in ganz Deutschland. Es gibt einen netten Ausdruck für den Bereich, in dem sich vermehrt Obdachlose aufhalten. Ich spreche natürlich vom “ Bonner Loch“. Erst Mitte dieses Jahres wurde festgelegt, dass man in dem Bereich rund ums Bonner Loch weder Alkohol kaufen, noch ihn bei sich führen darf. Damit ist das Problem meiner Meinung nach nur verschoben, aber nicht beseitigt. Die „lästigen“ Alkoholiker, Obdachlosen etc. sind wenigstens aus dem Sichtfeld entfernt. Jawohl. Wenn man für Leute in Not spendet, spendet man doch auch für notleidende Menschen. Warum nicht hier? Wenn man spendet, ist man meist nicht mit der Realität konfrontiert. Es ist alles weit weg.

An Heiligabend bin ich also am Hinterausgang des Bonner Loches herausgegangen, weil ich nach Hause wollte. Ich muss da jeden Tag durch. Es gibt viel weniger Leute, die am Boden sitzen und betteln, als noch letztes Jahr, aber am Hinterausgang steht eigentlich jeden Tag ein Obdachloser und fragt um Geld. Auch wenn sie kein Geld bekommen, sagen sie jedes Mal:

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag!

Die Menschen gehen nur schnell weiter, als wären sie auf der Flucht. Man kann nicht ständig allen Geld geben, das ist klar, aber ist es denn zuviel verlangt freundlich zu sein? Ist Respekt zuviel verlangt?

Ich habe an Heiligabend also ein paar Cents in einen Plastikbecher geschmissen und einen selbstgebackenen Keks an den älteren Obdachlosen gegeben. Er hat mich umarmt. Ich war überrascht und seltsame Blicke habe ich natürlich auch bekommen. Er hatte kaum Zähne im Mund ,war 75 Jahre alt, sah verbraucht aus und hatte schmutzige, grobe Hände, aber ich habe gemerkt, er freut sich. Das Problem war nur, dass er dann anfing zu reden und nicht mehr aufhören wollte. Niemand hört diesen Menschen zu und seien wir mal ehrlich, jeder von uns braucht etwas Aufmerksamkeit. In meinem Fall, bekam ich ein spontanes Liebesgeständnis und die Frage, ob ich schon einen Freund habe… Das war mir dann doch etwas zuviel, aber auch ich habe mich gefreut, dass ich etwas Gutes tun konnte und sei es nur ein Lächeln auf das Gesicht meines Gegenübers zu zaubern oder dafür zu sorgen, dass er sich etwas zu essen kaufen kann.

Ich denke, wir sollten unsere Umwelt bewusster wahrnehmen. Zu Weihnachten zu spenden ist nicht verkehrt, aber man sollte das aus den richtigen Gründen tun und mit offenen Augen durch die Welt gehen.



One Response to “Spendenwahn”  

  1. hallo,

    ich bin Brasilianer und fand dein Blog sehr interessant. Ich schreibe über deutsche Kultur. Besuch mich unter: http://culturalema.wordpress.com


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