Alle Jahre wieder…
• LEBENDIGsein •
Wer kennt das nicht? Es ist Weihnachten und man „muss“ die Familie besuchen.Doch warum? Tun wir das, weil wir es wollen oder weil man uns sagt, dass man das eben so macht? Ich tendiere zu Letzterem.
Erst heute habe ich mit meiner Großmutter gesprochen. Ich dachte, sie wollte mich fragen, ob wir am ersten oder zweiten Weihnachtsfeiertag zu ihr kommen- so wie jedes Jahr. Im Grunde ist das die einzige Weihnachtsfamilientradition, die wir so haben. Alle anderen Zwänge haben wir bereits vor Jahren abgelegt. Doch dazu später.
Ich rede also mit meiner Großmutter und sie fragt:
Was macht ihr denn Weihnachten?
Keine Ahnung warum, aber irgendwie bin ich gereizt. Das liegt vielleicht daran, dass meine Oma nie etwas ohne Hintergedanken sagt oder tut. Sie denkt, das weiß niemand. Ich ahne, dass etwas im Argen liegt, sage aber erst mal wie es ist. ich weiß nicht, was wir Weihnachten machen.
Ihr werdet euch wundern. Eine Woche vor Weihnachten und die weiß noch nicht, was sie Weihnachten macht? Glaubt mir, bei mir in der Familie läuft das alles ein wenig unkonventioneller ab. Als ich klein war, gab es einen Tannenbaum und auch eine Bescherung, aber es gab nie ein bestimmtes Essen. Es gab auch mal Kartoffeln mit Erbsen& Möhren. Außerdem sind meine Eltern inzwischen nicht mehr zusammen. Ich fahre meistens zu meiner Mutter, wir reden, genießen die Zweisamkeit (Meine Schwester war entweder nicht im Lande oder nach einer kurzen Steppvisite auf einer Party) und um 17 Uhr nehme ich den letzten Bus Richtung Heinat, da meine Mutter auf einem Dorf wohnt. Wenn ich am nächsten Tag zu Oma fahre, schlafe ich bei ihr. Unspektakulär. Wenn ich noch Lust habe, rufe ich meinen Vater an und wir treffen uns. Manchmal auch erst am nächsten Tag.
Die Besuche bei meiner Oma empfinde ich oft als lästig. Nicht, weil ich sie nicht mag, sondern weil sie mir das Gefühl gibt, wir wären der Pflichtanteil, den sie abarbeiten muss. So läuft das auch an Geburtstagen. Letztes Jahr hat sie mir nicht einmal gratuliert, sondern nur gefragt, ob das Geld, was sie mir jedes Jahr schickt auch angekommen ist. Mein ungutes Gefühl bestätigt sich.
Kommt ihr dann am Sonntag nach Weihnachten?
Oder an ihrem Geburstag im Januar. Ehrlich, mich wundert nichts mehr, als sie mir sagt, sie ist am ersten und zweiten Weihnachstfeiertag zu meinem Onkel und dessen Familie eingeladen und das wäre ihr sonst zu „stressig“. Während des Telefonats denke ich an meine Mutter, die mir erst letztes Jahr erzählt hat, dass ihre ganzen Geschwister sich an Heilgabend bei meiner Großmutter treffen, um dann danach zusammen essen zu gehen. Ich will nicht von denen gefragt werden. Es ist nur seltsam, dass sie so ein Geheimnis daraus machen. Als ob wir vor Empörung aufschreien würden und dann darum bitten würden, mit ihnen Weihnachten zu verbringen.
Kommt deine Schwester auch zu Mama?
Sarah ist in Kassel. Sie studiert dort. Ich denke schon, dass sie kommt, aber ich sehe das alles nicht so eng. Also sage ich:
Ruf sie doch an und frag sie selbst danach!
Sie murmelt etwas und ich weiß, sie wird es nicht tun. Schließlich wartet sie darauf, dass ich ihr etwas erzähle. Hat sie Angst Sarah anzurufen? Ich verstehe die Scheu nicht, wenn es denn Scheu ist und nicht Bequemlichkeit. Ich dachte, es müsste mir weh tun, dass sie uns Weihnachten nicht dort haben will. Doch ich bin ernüchtert, stelle ich resigniert fest.
Mir ist ohnehin wichtiger, dass ich meine Eltern und meine Schwester sehe. Letztes Jahr war ich bei Sarah in London. Sie hat ein Jahr dort gelebt.Irgendwie verändert sich das Weihnachten,w enn man älter wird. Der Zauber geht verloren oder wir sind so gestresst, dass wir vergessen, was uns einmal begeistert hat. Ich liebe die Vorfreude auf Weihnachten, doch das Fest an sich ist für mich nicht besonders herausragend.
Vor 3 Jahren beispielsweise war ich am ersten Weihnachtsfeiertag bei den Eltern meines Freundes. Ich fühlte mich wie ein Fremder. Es gab Weihnachtsgans, ganz traditionell. Ich hatte das bisher so nie gegessen. Alle hakten aufeinander herum und kaum ein nettes Wort kam über die Lippen, aber Hauptsache die Familie war versammelt.
Als ich klein war, sind wir zu allen möglichen Familienmitgliedern gefahren. Am schlimmsten fand ich die Tante meines Vaters. Sie wohnte in dem Haus meines verstorbenen Urgroßvaters und ich hasste es. Sie war eine Hexe in meinen Augen. Eine fiese Person. Nachdem ich also mal wieder ein schreckliches Weihnachten bei ihr verlebt hatte (ich war inzwischen im besten Teenageralter), nahm ich meinen Eltern das Versprechen ab, nie wieder zu ihr fahren zu müssen. Meine Mutter versprach das nur zu gerne, da ihr diese Tante auch nicht geheuer war.Natürlich haben meine Eltern ihr Versprechen nicht gehalten. Im nächsten Jahr standen wir also vor ihrer Haustür und ich war, gelinde ausgedrückt, wütend. Doch als meine Großtante an diesem Abend sagte, ich sehe aus wie „ein Mädchen,w as sich an die Straße stellt“ und dies immer wiederholte und unterstrich, indem sie sagte, mir fehle nur noch die passende Tasche, bekam ich, was ich mir so sehnlichst wünschte. Warum sie das sagte? Ich hatte mir damals meine Haare abgeschnitten. Danach musste ich nie wieder an diesen unsäglichen Ort.
Inzwischen bin ich nur noch mit Menschen zusammen, die mir etwas bedeuten und ich denke, es ist falsch an diesen Tagen Familienmitglieder zu besuchen, weil man das so macht und nicht, weil man das will. Ist das nicht eine Heuchelei? Man macht gute Miene zum bösen Spiel. Das Fest der Liebe.
Man hat so hohe Ansprüche, dass alles perfekt sein muss, dass Stress und Streit ohnehin vorprogrammiert sind. Wieso tun wir uns das an? Wieso befreien wir usn nicht und lösen und von den ganzen gesellschaftlichen Zwängen und Vorgaben? Wer sagt, dass das nicht so einfach ist, ist in meinen Augen nur zu bequem. Natürlich gibt es auch Leute, bei denen das alles anders läuft. Keine Frage, aber ich kenne nur wenige davon. Ich ernte immer nur mitleidige Blicke, so als ob ich sie nicht mehr alle hätte. Das mag sein, aber ich quäle mich nicht unnötig. Deswegen kann ich solchen Menschen auch selbstbewusst gegenüber treten. Auch meiner Oma.
Filed under: freizügig | Leave a Comment
Tags: Familie, Gedanken, Gefühle, Weihnachten, Zwang


Name: Nadine Piontek


No Responses Yet to “Alle Jahre wieder…”